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Gerst, Thomas
Darmkrebsfrüherkennung: Eine
Krankheit soll enttabuisiert werden
Deutsches Ärzteblatt 99, Ausgabe 11 vom
15.03.2002, Seite A-695 / B-566 /
C-532 THEMEN DER ZEIT
Mit
einer breit angelegten Medienkampagne soll die
Öffentlichkeit für das Thema „Darmkrebs“ sensibilisiert
werden. Der Bundesausschuss der Ärzte und Krankenkassen
will die Koloskopie in den GKV-Früherkennungskatalog
aufnehmen.
Gerade 33 Jahre alt war Felix Burda,
als er im Februar 2001 an Darmkrebs starb – einer von
etwa 30 000 Menschen, die in Deutschland jedes Jahr
dieser Erkrankung zum Opfer fallen. Es war sein
ausdrücklicher Wunsch an seine Eltern, Dr. Christa Maar
und den Verleger Dr. Hubert Burda, dass künftig alles
dafür getan wird, das Thema „Darmkrebs“ öffentlich zu
machen. Denn wie kaum eine andere Tumorerkrankung kann
Darmkrebs im Frühstadium erfolgreich behandelt werden.
Ist der Tumor erst einmal ausgebrochen und metastasiert,
gibt es dagegen kaum noch Heilungschancen (dazu auch das
Editorial „Darmkrebsfrüherkennung“ in diesem
Heft). Ziel: Verbesserte Vorsorge
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für die Darmkrebsfrüherkennung: Viele Prominente
setzen sich mit persönlichen Statements für das
Projekt der Felix Burda Stiftung ein. |
 | Ziel der Felix Burda Stiftung ist es, durch
intensivierte Aufklärung die Mortalität bei Darmkrebs
innerhalb der nächsten fünf Jahre um mindestens 50
Prozent zu senken. Mit einem Aktionsmonat zur
Darmkrebsprävention nach US-amerikanischem Vorbild wirbt
die Stiftung im März 2002 für ihr Anliegen einer
verbesserten Früherkennung. In den USA konnte in
vergleichbaren Aktionsmonaten die Sterblichkeitsrate bei
Darmkrebs von 60 auf rund 35 Prozent reduziert werden.
Mit publikumswirksamen Mitteln soll die Bevölkerung zur
Vorsorge gegen die lebensbedrohliche Krankheit und so
zur Erhaltung der eigenen Gesundheit motiviert werden.
„Wir wollen Darmkrebs in Deutschland endlich von seinen
Tabus befreien“, erläuterte Dr. Christa Maar,
Präsidentin der Felix Burda Stiftung, auf der
Eröffnungspressekonferenz zum Aktionsmonat
„Darmkrebsprävention“, „und so dazu beitragen, viele
Menschenleben zu retten.“ Auch in den kommenden Jahren
soll der „Darmkrebsmonat März“ öffentlichkeitswirksam
propagiert werden. Partner der Felix Burda Stiftung
beim Aktionsmonat sind die Deutsche Krebshilfe, die
Deutsche Krebsgesellschaft, die Stiftung Lebenshilfe,
die Gastro Liga und die Kassenärztliche
Bundesvereinigung (KBV). Bei der Deutschen Krebshilfe
sei man sehr froh darüber, dass die Burda Stiftung mit
der geballten Power eines Medienkonzerns das Thema
„Darmkrebs“ in die Öffentlichkeit bringt, bestätigte Dr.
med. Eva M. Kalbheim, Pressesprecherin der Deutschen
Krebshilfe. Anders als andere Tumorerkrankungen, wie zum
Beispiel Haut-, Brust- oder Lungenkrebs, sei der
Darmkrebs hierzulande immer noch etwas, worüber man
nicht spricht. Alles, was mit der Verdauung
zusammenhängt, werde weiterhin schamhaft verschwiegen.
Und das Schweigen erhöhe die Gefahr, an Darmkrebs zu
sterben. „Wer seine Beschwerden ignoriert, wer aus
falscher Scham nicht zum Arzt geht, wer von
Früherkennung nichts wissen will, der steigert sein
Risiko, eine mögliche Diagnose zu
verschleppen.“ Gerade aus diesem Grund erscheint die
Mitwirkung von Prominenten mit Vorbildfunktion an der
Aufklärungskampagne der Felix Burda Stiftung sinnvoll.
Viele Prominente werben mit persönlichen Statements für
die Vorsorgeuntersuchung. Zu den mehr als 150
Schauspielern, Fernsehstars, Politikern,
Wissenschaftlern oder Managern, die sich unentgeltlich
für das Projekt der Stiftung einsetzen, zählen Bayerns
Ministerpräsident Edmund Stoiber, DaimlerChrysler-Chef
Jürgen E. Schrempp und Talkmaster Harald Schmidt („Ich
gehe alle zwei Jahre zur Koloskopie. Man gönnt sich ja
sonst nichts.“). Regisseur Wim Wenders drehte einen
45-sekündigen TV-Spot, in dessen Blickpunkt ein kleiner
runder Ohrstecker steht, der mit dem Hinweis: „Genauso
groß ist der unentdeckte Tumor in ihrem Darm“ den
Zuschauer für das Thema sensibilisieren soll. Mit
ähnlichen Motiven sollen im Zuge einer Anzeigenkampagne
nicht zuletzt junge Menschen auf das Thema angesprochen
werden. Auch die Fernsehmoderatorin Nina Ruge
unterstützt die Aktion gegen Darmkrebs. Sie hatte gerade
ihre erste Darmspiegelung absolviert, als sie auf eine
Mitwirkung angesprochen wurde. Wichtig sei es, in der
Öffentlichkeit über die Durchführung dieser
Früherkennungsmaßnahme zu sprechen und den Menschen die
Scheu vor diesem Eingriff, den sie als harmlos empfunden
habe, zu nehmen. Im Gespräch mit Freunden sei ihr
aufgefallen, wie tabuisiert das Thema immer noch ist.
Selbst bei der Platzierung eines diesbezüglichen
Beitrags in einer Fernsehsendung stoße man auf
Widerstände.
Christa Maar betont auch die Notwendigkeit,
die niedergelassenen Ärzte noch stärker für das Thema
„Darmkrebsfrüherkennung“
zu sensibilisieren. Mehr als bisher müssten die Ärzte
ihre Patienten auf die Früherkennungsmöglichkeiten
hinweisen und bei der Anamnese eine mögliche familiäre
Belastung in Betracht ziehen. Denn bei 30 Prozent der
Neuerkrankungen liege ein familiäres Risiko vor. Dass
nunmehr in Apotheken Stuhltest-Einzelpackungen für
fünf Euro gekauft und direkt an den Hersteller zur
Auswertung gesandt werden können, sei wesentlich für die
Akzeptanz der Darmkrebsfrüherkennung bei den
Patienten. Diesem Ziel dienten auch die geplanten
Verteilaktionen der Stuhltest-Pakkungen an
Großstadt-Bahnhöfen. Bei ihren Bemühungen um eine
verbesserte Darmkrebsvorsorge im Rahmen der Gesetzlichen
Krankenversicherung wurde die Felix Burda Stiftung
unterstützt durch die Kassenärztliche Bundesvereinigung,
die sich im Bundesausschuss für Ärzte und Krankenkassen
für eine Ausweitung des Präventionskatalogs einsetzte.
Koloskopie als GKV-Leistung Rechtzeitig zum
ersten Darmkrebs-Monat März 2002 verständigten sich die
Vertreter der KBV und der Spitzenverbände der
Krankenkassen im Bundesausschuss über eine Ausweitung
der Darmkrebsvorsorge. Wesentliche Verbesserung
gegenüber der bestehenden Regelung: Die Spiegelung des
gesamten Dickdarms (Koloskopie), die eine weitaus
effektivere Maßnahme zur Früherkennung und Vermeidung
von Darmkrebs darstellt als ein Screeningtest auf
okkultes Blut, wird in den GKV-Früherkennungskatalog
aufgenommen. Bei diesem Verfahren werden gutartige
Polypen, aus denen sich der Darmkrebs entwickelt,
entfernt. So kann bereits das Entstehen von Darmkrebs in
mehr als 90 Prozent der Fälle verhindert werden. Ab dem
56. Lebensjahr können sich die Versicherten in der GKV –
voraussichtlich ab Juli 2002 – für die Durchführung
einer Koloskopie, die in einem Abstand von zehn Jahren
wiederholt werden kann, entscheiden.
Kontrolluntersuchungen in großen Abständen sind möglich,
da die Polypen meist sehr langsam wachsen. Zudem sollen
alle Versicherten ab dem 50. Lebensjahr die Möglichkeit
haben, ihren Stuhl einmal jährlich auf verborgenes Blut
untersuchen zu lassen. Ab dem 56. Lebensjahr können sie
wählen: entweder Koloskopie als beste Methode der
Früherkennung oder Okkultbluttest im zweijährigen
Abstand. Anstoß für weitere Aktionen „Die
Vereinbarung zeigt, dass Prävention zum Nutzen unserer
Patienten beziehungsweise unserer Versicherten für uns
ein wichtiges Thema ist“, erklärten Dr. med. Leonhard
Hansen, Zweiter Vorsitzender der KBV, und Rolf Stuppardt, Vorstandsvorsitzender des IKK-Bundesverbands.
Hansen wies darauf hin, dass Vorsorge-Programme nur dann
greifen könnten, wenn die Versicherten motiviert seien,
diese auch zu nutzen. „Jetzt zählt vor allem Aufklärung
und Sensibilisierung für das Thema Darmkrebs. Der
Darmkrebsmonat könnte hierzu einen wesentlichen Beitrag
leisten“, sagte der KBV-Vize. Bevor die verbesserte
Frühdiagnostik für GKV-Patienten in Kraft tritt, müssen
abschließend noch Fragen der Qualitätssicherung geklärt
werden. Nur Ärzte mit nachgewiesener Qualifikation und
Erfahrung sollen an dem Angebot der Darmspiegelung
beteiligt werden. Mittelfristig könnten diese neuen
Vorsorgemaßnahmen zu einer Entlastung der GKV-Finanzen
beitragen, meint Dr. Lutz Altenhofen vom Zentralinstitut
für die kassenärztliche Versorgung (ZI). Dies ließen
modellhafte Kosten-Nutzen-Rechnungen bezüglich der
Modernisierung der Screeningstrategien vermuten. Denn in
den vergangenen Jahren gaben die gesetzlichen
Krankenkassen jährlich rund 2,2 Milliarden DM für die
Behandlung von Versicherten, die an Darmkrebs erkrankt
sind, aus. Die Kosten für die nunmehr angebotenen
Darmspiegelungen werden dagegen auf jährlich rund 36
Millionen € geschätzt. Die Felix Burda Stiftung
beschränkt sich nicht nur darauf, in der Öffentlichkeit
allgemein für Darmkrebsfrüherkennung zu werben,
sondern will für konkrete Früherkennungsmaßnahmen in den
deutschen Unternehmen den Anstoß geben. Hubert Burda
Media ist mit gutem Beispiel vorangegangen. Nach
eingehender Information erhielten die 5 500 Mitarbeiter
des Unternehmens mit der Gehaltsabrechnung ein
Testbriefchen für einen Stuhltest, das innerhalb von 14
Tagen in einer sterilen Verpackung zurückgesandt werden
kann. Bei einem positiven Befund soll im Gespräch mit
dem Betriebsarzt besprochen werden, was zur weiteren
Diagnose getan werden kann. Die Unternehmen der
Allianz-Gruppe folgen dem Beispiel von Hubert Burda
Medien und haben mit der Durchführung einer
Früherkennungs-Aktion begonnen. Eine Reihe weiterer
Unternehmen – auch Krankenkassen – hat sich inzwischen
von der Felix Burda Stiftung zur betrieblichen Darmkrebsfrüherkennung beraten
lassen und umfassende Informationspakete angefordert.
„Düsseldorf gegen Darmkrebs“ – unter diesem Motto
beteiligen sich zum Beispiel in der NRW-Landeshauptstadt
die Universitätsklinik, die Messe, die Firmen Henkel und
Cognis sowie die Kassenärztliche Vereinigung (KV)
Nordrhein am Darmkrebsmonat März. Allen Mitarbeitern
wird ein kostenloser Darmkrebs-Check angeboten. Mit
einer Patienteninformation, die zur Mitnahme in rund 10
000 nordrheinischen Arztpraxen ausliegt, informiert die
KV Nordrhein über empfohlene
Darmkrebs-Vorsorgemöglichkeiten. Mit Plakat- und
Telefonaktionen soll in der Öffentlichkeit für die
Vorsorgemaßnahmen geworben werden. Wichtiger Faktor:
Ernährung Auf einen wichtigen Sachverhalt weisen alle
am Darmkrebsmonat März beteiligten Organisatoren
stets mit allem Nachdruck hin. Eine richtige
Ernährungsweise und viel Bewegung können das
Darmkrebs-Risiko wesentlich reduzieren. Viel Gemüse und
Obst, weniger Fett- und Fleischverzehr sind die beste
Prävention gegen diese Krankheit. Thomas Gerst
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| Die
Botschaft ist eindeutig: Während das Auto
regelmäßig inspiziert wird, bleibt die eigene
Vorsorge außen vor. Fotos: Felix Burda
Stiftung |
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